Wie lässt sich die Komplexität eines Künstlers, für den das Buch selbst das primäre Medium ist, in eine dauerhafte editorische Struktur überführen? Für das Kunsthaus Bregenz konzipierten wir eine Monografie als sequenziellen Raum, die das Buch vom Dokument zum Exponat erhebt.
Das Konzept: Semantische Spannung

Die Dramaturgie des Umblätterns
Buchgestaltung bedeutet, eine räumliche Spannung zu erzeugen, bei der der physische Akt des Umblätterns einer architektonischen Begehung gleicht. Wie eine Architektur den Körper durch Räume leitet, strukturiert die Gestaltung den Rhythmus der Wahrnehmung: Durch gezielte Zäsuren und Verdichtungen lässt sich das Betrachten verlangsamen oder beschleunigen. Es entsteht eine Folge von Stimmungen, die den Leser mal zum Verweilen einlädt und mal zur Bewegung drängt. Eine gelungene Gestaltung entwickelt Kraft aus dem Inhalt heraus – durch präzise Bildkombinationen und bewusste Freiräume, die Zeit und Raum strukturieren und dem Betrachter Raum für eigene Gedanken geben.



Ed Ruscha, THE BACK OF HOLLYWOOD, 1977, Öl auf Leinwand, Collection Musée d‘ Art Contemporain, Lyon
Analyse: Das begehbare Buch
Yilmaz Dziewior analysiert das Buch bei Ed Ruscha konsequent nicht bloß als Informationsträger, sondern als eigenständige Skulptur, die durch ihre Materialität Zeit und Raum strukturiert. In dieser Lesart wird das Buch zum dreidimensionalen Objekt: Er begreift die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz als eine architektonische Inszenierung des Lesens, bei der das Gebäude selbst zum Akteur wird. Das Durchschreiten der Ebenen wird zur Erfahrung eines begehbaren Buches, dessen physische Dramaturgie der Begehung einer Architektur gleicht.
»Wörter sind wie Muster, wobei sie in ihrer Horizontalität eine Antwort auf meine Untersuchung der Landschaft liefern.«
Ed Ruscha

Der Prozess: Vom Groben zum Feinen
Die Entstehung einer solchen Publikation gleicht der Arbeit an einer Steinskulptur: Man arbeitet sich unerbittlich vom Groben zum Feinen vor. Dieser Prozess erfordert eine fehlerfreie Koordination zwischen allen Disziplinen – vom Künstler über die Lithografie bis zur Druckerei. Es dürfen keine Missverständnisse entstehen, denn jede Entscheidung ist am Ende unwiderruflich und bleibt, wie in Stein gemeißelt, dauerhaft bestehen. Die Typografie spiegelt dabei jene sachliche Strenge wider, die auch Ruschas eigenen Publikationen eigen ist.

Der Wert: Unveränderlichkeit als Investment
»Ein Modell für präzise geordnete Informationen und scharfe visuelle Reproduktionen. Ruscha behandelt das Buch als konzeptionelles Objekt – eine Qualität, die in dieser Publikation mit bemerkenswerter formaler Strenge eingefangen wird.«
— The New York Times, Art Review, 28. Februar 2013
»In beiden hier beliebig herausgegriffenen Fällen – der Ulysses-lesenden Marilyn Monroe und den Foucault verfallenen Cool-Kids – gehen Pop- und Hochkultur eine Symbiose ein, die zwischen Intellekt und Sinnlichkeit changiert und das Buch als Zeichen eben dieser Verbindung markiert. Besondere Wirkung erzielt diese Symbiose, weil sie nicht allein als abstrakte Konstruktion präsentiert wird, sondern mit der Biografie und Identität der vorgestellten Personen, seien sie real oder fiktiv, verwoben ist.«
Ed Ruscha lesen, Yilmaz Dziewior
Reading Ed Ruscha, S.9

Reading Ed Ruscha
Kunsthaus Bregenz, 2012
Herausgegeben von Yilmaz Dziewior
Buchgestaltung: Stefan Gaßner, Bernd Altenried
Essays von Beatrice von Bismarck, Douglas Coupland, Yilmaz Dziewior und W. S. Di Piero
German / English 256 Seiten
24 x 30 cm, Hardcover
Erschienen: August 2012
Noch als gebrauchtes Exemplar erhältlich
