Wie übersetzt man die tektonische Logik des Holzbaus in die Zweidimensionalität des Druckbogens? In enger Zusammenarbeit mit den Herausgeber:innen Marina Hämmerle und Florian Aicher sowie der Fotografin Petra Steiner entwickelten wir ein Buchobjekt, das auf konventionelle Repräsentation verzichtet und die Materialität selbst zum Informationsträger macht. Von der Wahl des unbeschichteten Jeansleinens bis zum präzisen Rhythmus der Bildstrecken folgt die Gestaltung einer ressourcenschonenden Grammatik, die handwerkliche Qualität physisch erfahrbar macht.
Herausgeber:innen:
Marina Hämmerle und Florian Aicher
Auftraggeber: Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg
Fotografie: Petra Steiner
Verlag: Edition DETAIL, München
Gestaltung: Stefan Gaßner
Holz – Von der Materie zum Gebauten
H wie Holz – ein Stoff, der uns seit unserer Kindheit vertraut ist. H wie Holzbaukultur – ein fester Bestandteil des Bauens in unseren Breiten. Seine Renaissance wurzelt in der Rückbesinnung auf regionales Erbe und ökologisches Potenzial. In der Revitalisierung alter Bausubstanz, in der Hinwendung zu umweltverträglichem Bauen findet das lokal geprägte handwerkliche Wissen und Können zu neuer Größe. Welche forstwirtschaftlichen, technologischen und baukulturellen Entwicklungen dazu führten, wie divers diese sich regional gestalten, kommt in diesem Buch zur Sprache. Schönheit und Qualitäten der Materie Holz werden auf unerwartete Weise ins Bild gesetzt.




Material:
Haptische Übersetzung der konstruktiven Logik
Um die Wärme und Weichheit des Holzes physisch erfahrbar zu machen, verzichtet die Gestaltung bewusst auf ein starres Hardcover und setzt stattdessen auf einen flexiblen, leichten Umschlag aus Schmedt Jeansleinen. Das unbeschichtete Drei-Faser-Gewebe (Eco-Variante von Schabert) korrespondiert in seiner offenen Struktur mit der Direktheit des Werkstoffs, während das Format so gewählt ist, dass der Druckbogen optimal genutzt wird – ohne unnötigen Verschnitt oder Materialreste. Der Innenteil auf Cradle-to-Cradle zertifiziertem Munken Print Cream und FSC-zertifiziertem GardaPat 13 KIARA vollendet die Symbiose aus ökologischer Verantwortung und präziser Bildwiedergabe. Design wird hier zum Begleiter der Materie: Ein ressourcenschonendes Framework, das handwerkliche Qualität fühlbar macht und dem haptischen Erleben in einer digitalen Zeit Raum gibt.
Regula Lüscher
Die Stadtmacherin
Dipl. Arch. ETH/BDA
Senatsbaudirektorin/Staatssekretärin Berlin a.D.
Honorarprofessorin Universität der Künste

Fotos: © Petra Steiner
Visuelle Dramaturgie:
Ein Rhythmus aus Raum und Materie
Die Gestaltung folgt einer strengen, fast tektonischen Logik. Sie beginnt mit einem ikonischen Cover: Ein ‚H‘ auf waldgrünem Schmedt-Jeansleinen, dessen drei verschiedene Faserarten die Haptik des Waldes unmittelbar greifbar machen. Ungewöhnlich für ein Fachbuch, entfaltet sich der Inhalt über eine komponierte Bildergeschichte. Die Struktur basiert auf dem Verweben der einzelnen 16-seitigen Druckbogen: Ein präziser Rhythmus aus Bild- und Textstrecken (1, 2, 2, 2, 1) erzeugt eine erzählerische Tiefe, die den Leser durch das Thema führt. Design wird hier zur Choreografie von Information.

Fotos: © Petra Steiner

Fotos: © Petra Steiner
Resonanz:
Ein interdisziplinärer Dialog
Das Buch vereint die wissenschaftliche und gestalterische Tiefe internationaler Experten zu einer konsistenten Erzählung über die Zukunft des Bauens. In einem dichten Geflecht aus Essays und Gesprächen formulieren unter anderem Hermann Kaufmann, Martin Rauch, Achim Menges, Florian Aicher und Regula Lüscher zukunftsweisende Positionen zu Materialität, Konstruktion und baukultureller Verantwortung.
Leseprobe:
Fünf Hölzer … oder ein unverschämt subjektiver Spaziergang entlang der Lebensthemen Gehen, Wohnen, Lieben, Schreiben, Musizieren
– Zora del Buono
Gehen: Sequoia in der Dose
Das Wunder (und für sentimentale Menschen: das Rührende) an Pflanzen ist ja, dass ihnen genau EINE Chance gewährt wird, wo sie leben können, nämlich an jenem Ort, an dem ihr Samen zufällig den Boden berührt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet diese Stelle die richtige für eine erfolgreiche Existenz ist, ist winzig klein. Viel steht dem entgegen: der falsche Standort, wenig Erde, schlechte Erde, gar keine Erde, sondern etwa Fels oder gar Asphalt, gefräßige Tiere, Pilze, Bakterien, zu viel Sonne, zu viel Regen, zu wenig Sonne, zu wenig Regen, es gibt unendlich viele Möglichkeiten des Scheiterns. Wir Menschen (und das ist es, was unsere Existenz so besonders macht) können entscheiden, weggehen, weiterziehen. Wir tun das seit Jahrtausenden. Es ist, das wissen wir alle, nicht einfach, auszubrechen aus dem, woher man kommt, aber es ist (meistens) möglich.
Die zylinderförmige Grow-a-tree-Dose mit einer Handvoll Substrat und sechs bemerkenswert kleinen Sequoia-Samen (sie erinnern an vertrocknete Haferflocken) steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ich habe sie aus Amerika mitgebracht: sechs Chancen für ein Leben außerhalb des vorbestimmten in den kalifornischen Bergen.
…

Fotos: © Petra Steiner

Lesezeichen mit »Holzmuster«: Gestaltung Stefan Gaßner

»Schreiben heißt nicht Geschichten erzählen.
Es ist das Gegenteil von Geschichtenerzählen.
Es ist: alles auf einmal erzählen.
Es ist: eine Geschichte und das Fehlen dieser Geschichte erzählen.
Es ist: eine Geschichte erzählen, die durch das Fehlen einer Geschichte zustande kommt.«
Marguerite Duras




